Biokraftstoffe und Ethik

3in1
BuiltWithNOF

Schreiben an Frau Präsidentin Knobloch
Hinweis auf Stellungnahme der EKD
Antwort1 des ZJD
Antwort2 an ZJD

 

Von: Guido Gürtler [guido.guertler@t-online.de] Gesendet: Sonntag, 14. September 2008 11:16
An: 'info@zentralratdjuden.de'

Betreff: Biokraftstoffe und Ethik, Position des Zentralrats der Juden in Deutschland
Anlagen: Artikel (Mai 2008).doc

Sind Biokraftstoffe ethisch-sozial verantwortbar?
Bitte um Position des Zentralrats der Juden in Deutschland

Frau
Präsidentin Charlotte Knobloch
Zentralrat der Juden in Deutschland K.d.ö.R.

Leo-Baeck-Haus
Postfach 04 02 07
10061 Berlin
E-Mail: info@zentralratdjuden.de

Sehr geehrte Frau Präsidentin,
Sehr geehrter Frau Knobloch,

Erlauben Sie mir bitte, eine tiefe Sorge an Sie heranzutragen und um die Position des Zentralrats der Juden in Deutschland zu bitten.

Mit der Herstellung von Biokraftstoffen ist eine Entwicklung angelaufen, die sich – zu Ende gedacht – gegen die Menschheit richtet, auch wenn sie – kurzfristig gesehen –im Ansatz gut gemeint sei. Grundgedanken dazu sind in meinem Artikel dokumentiert, siehe Anlage, der schlussfolgert, dass

  • · Biokraftstoffe der 1. wie der 2. Generation grundsätzlich ethisch–sozial nicht zu verantworten sind
  • · für den künftigen Individualverkehr völlig neue Antriebsaggregate benötigt werden, die keine Derivate von Rohöl mehr benötigen, und dass
  • · die Politik zum Handeln aufgefordert ist.

Ethisch“ verstehe ich als Respektierung von Menschenwürde und Schöpfung, „sozial“ als Minimierung gesellschaftlicher Unterschiede, Vermeidung gesellschaftlicher Konflikte, Hilfsbereitschaft und Sicherstellung der Verfügbarkeit essentieller Lebensgrundlagen wie Nahrung und Luft.

Biokraftstoffe der 1. Generation werden primär aus Mais, Weizen und Raps hergestellt und treten in Flächenkonkurrenz zu Nahrungsmitteln. Sie haben Potential zur Förderung von Hunger und Sozialkonflikten und sind deshalb schon so in die öffentliche Kritik geraten, dass sich sogar die Vereinten Nationen dagegen aussprachen und die EU-Kommission jetzt ihre Beimischungsziele zurückgenommen hat.

Biokraftstoffe der sog. 2. Generation werden primär aus Holz und Stroh hergestellt; sie sind zurzeit noch nicht marktreif. In Veröffentlichungen wird oft von „Abfällen“ oder Rückständen“ als Ausgangsmaterialien gesprochen, was ignoriert, dass Natur keine Abfälle oder Rückstände kennt, sondern nur Zyklen zur Re-Integration aller Stoffe. Diese Biokraftstoffe der 2. Generation sind ethisch-sozial problematisch, weil ihre Erzeugung zur absehbaren Intensivnutzung und damit nachhaltigen Schädigung der Böden führt (Monokulturen „rasch“ wachsender Bäume), weil sie in Anbetracht der wachsenden Weltbevölkerung letztlich auch in Flächennutzungskonkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion treten werden, und weil der Wald ein verlässlicher Klimaregulator ist, den anzugreifen zugleich ein Angriff auf die Lebensgrundlage „Luft zum Atmen“ ist.

Menschen, mit denen ich das Thema bespreche, teilen die Sorge und drücken gern ihre Unterstützung durch Nennung ihres Namens auf der „Unterschriften“-Seite der Website aus. Die meisten sind dankbar für den Anstoß und sagen, dass sie über das Thema bislang noch nicht intensiv nachgedacht hatten.

Da u.a. die Politik gefordert ist, die einschlägigen Rahmenbedingungen vor allem unter langfristiger Perspektive richtig zu setzen, habe ich die Parteien sowie den Ethikrat und den Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung um Darstellung ihrer Positionen gebeten. Diese sind ebenfalls auf o.g. Website wiedergegeben. Auf die einstweilen abschließende Antwort des Nachhaltigkeitsrates möchte ich besonders hinweisen: http://www.kaguigu.com/Biokraftstoffe%20und%20Ethik/html/nachhaltigkeitsrat.html#naha-aw3

Die Position des Zentralrats der Juden in Deutschland wäre von großem Interesse, oder auch eine global abgestimmte Position, wenn vorhanden.

Für Ihre Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar und verbleibe mit den besten Grüßen,

Guido Gürtler

Anlage: Artikel (Mai 2008)

P.s.1: Zur Person:
- Familienvater, vier Kinder, elf Enkel, besorgt um die Welt, in der diese und Folgegenerationen leben werden
- Beruflich: bis 2004 Leiter der Siemens-Unternehmensleitfunktion „Standardisierung und Regulierung“, mit globalem Handlungsrahmen
- Seit 2003 Mitarbeiter des ICC International Chamber of Commerce im internationalen Standardisierungsprojekt ISO 26000 „Guidance on Social Responsibility“

P.s.2: Da die Problematik „uns alle“ angeht, gehe ich von Ihrem Einverständnis aus, dass dieses Schreiben und Ihre Antwort auf o.g. Website mit veröffentlicht werden können.

Adresse: Farmerstr. 17, 82194 Gröbenzell, Tel. 0173 350 27 22, guido.guertler@t-online.de

 

Hinweis auf Stellungnahme der EKD
Von: Guido Gürtler [guido.guertler@t-online.de]  Gesendet: Montag, 13. Oktober 2008 10:31  
An: 'info@zentralratdjuden.de'

Betreff: Biokraftstoffe und Ethik, Position des Zentralrates der Juden in Deutschland

Frau
Präsidentin Charlotte Knobloch
Zentralrat der Juden in Deutschland K.d.ö.R.
E-Mail: info@zentralratdjuden.de

Sehr geehrte Frau Präsidentin,

Im Nachgang zu meiner Mail vom 14. September 2008 , in der ich um die Position des Zentralrates der Juden in Deutschland bat, wollte ich gern aufmerksam gemacht haben auf die m.E. sehr gute Stellungnahme der EKD Evangelischen Kirche Deutschlands mit dem Titel „Ernährungssicherung vor Energieversorgung – Kriterien für die nachhaltige Nutzung von Biomasse“.
Die EKD geht hier auf die ethische Problematik von Biomasse im Allgemeinen ein und im Besonderen auf die der Bio- oder Agrokraftstoffe.
Die Pressenotiz der EKD ist unter http://www.ekd.de/presse/pm247_2008_ernaehrungssicherung.html abgebildet; dort kann auch die Stellungnahme heruntergeladen werden.

Mit freundlichem Gruß,
Guido Gürtler
www.kaguigu.com/Biokraftstoffe%20und%20Ethik/

 

Antwort1:
Von: Zentralrat der Juden in Deutschland [neustein@zentralratdjuden.de] 
Gesendet: Dienstag, 4. November 2008 11:36    An: guido.guertler@t-online.de 
Betreff: Biokraftstoffe und Ethik/ Ihre Emails

Sehr geehrter Herr Gürtler,
Ihre an Frau Knobloch gerichteten Emails vom 14. September und 13. Oktober zum Thema Biokraftstoffe und deren ethischer Verantwortbarkeit ist hier eingegangen. Frau Knobloch hat mich gebeten, Ihnen zu antworten.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat bisher keine offizielle Stellungnahme zu der Thematik verabschiedet. Der Zentralrat der Juden ist sich der Problematik jedoch bewusst und plädiert daher für einen verantwortungsvollen Umgang mit den verfügbaren Ressourcen unter Berücksichtigung der Auswirkungen der Herstellung von Biokraftstoffen auf die Lebensmittelproduktion und im Hinblick auf die ökologischen Folgen der Nutzung herkömmlicher Kraftstoffe.

Mit freundlichen Grüßen
gez. Stephan J. Kramer
Generalsekretär; Zentralrat der Juden in Deutschland K.d.ö.R.

Antwort2 an ZJD:
Von: Guido Gürtler [guido.guertler@t-online.de]   Gesendet: Dienstag, 4. November 2008 18:13
An: 'Zentralrat der Juden in Deutschland'    Betreff: AW: Biokraftstoffe und Ethik/ Ihre Emails

Sehr geehrter Herr Kramer, 
haben Sie vielen Dank für diese eine klare Richtung zeigende Antwort. An einer später verabschiedeten Stellungnahme wäre ich sehr interessiert.
Mit besten Grüßen,
Guido Gürtler

 

 

[Biokraftstoffe und Ethik] [Neueste Updates und Zahlen] [Artikel] [Vortragsfolien] [Pressenotizen] [Forum] [Unterschriften] [Gute Beispiele] [Schlechte Beispiele] [Ethik Rat] [Nachhaltigkeitsrat] [Parteien] [Kirchen] [Vatikan] [Katholische Kirche] [Evangelische Kirche] [Zentralrat der Juden in Deutschland] [Koordinierungsrat der Muslime] [Verbände] [NGO Nicht-Regierungs-Organisationen]