Biokraftstoffe und Ethik

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Der Rat

Nachhaltigkeit hat viele Gesichter. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung wurde im April 2001 von der Bundesregierung berufen. Ihm gehören 15 Personen des öffentlichen Lebens an. Die Aufgaben des Rates sind die Entwicklung von Beiträgen für die Umsetzung der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie, die Benennung von konkreten Handlungsfeldern und Projekten sowie Nachhaltigkeit zu einem wichtigen öffentlichen Anliegen zu machen. Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel setzt die Strategie und die Arbeit des Rates fort.
Quelle: http://www.nachhaltigkeitsrat.de/der-rat/

Kontakt

Rat für Nachhaltige Entwicklung
Geschäftsstelle c/o GTZ
Potsdamer Platz 10, 10785 Berlin
Tel.: 030 / 408190-121
Fax: 030 / 408190-125
E-Mail: info@nachhaltigkeitsrat.de

 

Schreiben
Antwort1 von Dr. Bachmann
Antwort2 an Dr. Bachmann
Antwort3 von Dr. Bachmann
Antwort4 an Dr. Bachmann

 

Per E-Mail

An den
Vorsitzenden des Rates für Nachhaltige Entwicklung
Herrn Dr. Volker Hauff
c/o Geschäftsstelle c/o GTZ
Potsdamer Platz 10,
10785 Berlin

E-Mail: info@nachhaltigkeitsrat.de

                    • 2008-07-09

Biokraftstoffe und Ethik, mögliche Position des Rates für Nachhaltige Entwicklung

Sehr geehrter Herr Dr. Hauff,

Dem Thema Biokraftstoffe und Ethik wird eine stetig steigende Aufmerksamkeit zuteil, bis hin zu einer Stellungnahme des UN-Generalsekretärs und einer in Rede stehenden Studie der Weltbank.  Zunehmend werden Zweifel laut, ob  die Umwandlung von Pflanzen in Biokraftstoffe ein richtiger Weg für die Menschheit ist.

Unsere Welt in Jahrhunderten betrachtend, war die Natur bis zum Beginn des Industriezeitalters in Ordnung und konnte sich selbst erhalten. Heute reden wir über mögliche Begrenzungen der Schäden, die der Mensch dem Klima zugefügt hat, morgen reden wir aller Voraussicht nach darüber, dass die Böden kein ausreichendes Pflanzenwachstum mehr sicherstellen können, um die stetig wachsende Menschheit zu ernähren. Sozialkonflikte bis hin zu Kriegen sind vorhersehbar. In einem der ersten GEO-Hefte (Ende der 70’er Jahre) war schon erläutert worden, dass der Mensch in die Grundabläufe der Natur mit einer Änderungsgeschwindigkeit eingreift, die zu groß ist als dass sie selbst des Menschen Eingriffe noch kompensieren könnte. Diese Änderungsgeschwindigkeit ist in den letzen 40 Jahren leider eher noch gestiegen, trotz aller Nachhaltigkeitsbemühungen.

Auf einen akuten Punkt unserer Gegenwart bezogen, ist die Technik der Bio- oder Agrokraftstoffe deshalb gerade unter Nachhaltigkeitsaspekten hoch problematisch und die ethisch-sozialen Aspekte sind bisher wohl nicht ausreichend einbezogen worden. Grundgedanken dazu führt der anliegende Artikel aus, der schlussfolgert, dass

  • Biokraftstoffe grundsätzlich ethisch–sozial nicht zu verantworten sind
  • für den künftigen Individualverkehr völlig neue Antriebsaggregate benötigt werden, die keine Derivate von Rohöl mehr benötigen, und dass
  • die Politik zum Handeln aufgefordert ist.

Erlauben Sie mir bitte dieses Zitat aus der Pressenotiz des Rates vom 9. April 2008:

…..Der Nachhaltigkeitsrat hat darauf hingewiesen, dass die sinnvolle Gewinnung und Nutzung der Biomasse eine Innovation ist, die einen wesentlichen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten muss. Der Einsatz von Biomasse vor allem in der Strom- oder Wärmeproduktion ist der Verbrennung als Treibstoff im Kraftverkehr eindeutig vorzuziehen. Die Korrektur der Beimischungsziele muss zum Anlass genommen werden, die Forschungsvorhaben zur Entwicklung der zweiten Generation von Agrokraftstoffen – also die Gewinnung von Biomasse aus Holz, pflanzlichen Reststoffen wie Stroh, und damit die Vermeidung von Zielkonflikten zur Nahrungsmittelproduktion - zu intensivieren und spezifische Nachhaltigkeitsstandards einzuführen…..

Die erste Hälfte des Zitats ist zu begrüßen, insbesondere, dass der Einsatz von Biomasse für die Strom- und Wärmeproduktion der Verbrennung als Treibstoff vorzuziehen wäre. Auch ist zuzustimmen, dass die Rücknahme der Beimischungsziele durch die Bundesregierung (und seit kurzem auch der Europäischen Kommission) in die richtige Richtung weist.
Jedoch verwundert die Aussage zur Intensivierung von Forschungsvorhaben zur zweiten Generation der Biokraftstoffe, es sei denn, dass ein Schwerpunkt auf Machbarkeitsstudien gelegt wird, die auch ethische und soziale Aspekte (u.a. dauerhafter Schutz des fruchtbaren Bodens) einbeziehen. Darf ich fragen, ob dies seitens des Rates vorgesehen ist?
Darüber hinaus wäre von großem Interesse, ob der Rat bereits eine Strategie für die angesprochenen Nachhaltigkeitsstandards entwickelt.

Darf ich ferner fragen, ob der Rat eine umfassende Ökobilanz für Biokraftstoffe in Auftrag geben könnte, die nach meiner Kenntnis leider noch nicht existiert. Hintergrund ist die im Raum stehende Aussage, dass bei Herstellungsprozess und Vertrieb von Biokraftstoffen mehr CO2 freigesetzt wird, als bei ihrer Beimischung eingespart werden kann. Eine kompetente Aussage des Rates würde die gesamte Diskussion wesentlich gestalten helfen.

Es wäre sehr zu begrüßen, wenn der Rat zum Thema „Biokraftstoffe und Ethik“ Stellung bezieht. Für die Mitteilung dieser Stellungnahme wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Mit freundlichen Grüßen,
Guido Gürtler


Anlage: Artikel (Mai 2008)

P.s.1: Im Sinne politischer Transparenz ist vorgesehen, dieses Schreiben und Ihre Antwort auf der Diskussions-Website http://www.kaguigu.com/Biokraftstoffe%20und%20Ethik/  mit zu veröffentlichen, wozu ich von Ihrem Einverständnis ausgehe. Hier finden sich auch die Stellungnahmen des Deutschen Ethik Rates und der im Bundestag vertretenen Parteien (soweit letztere schon geantwortet haben).

P.s.2:  Zur Person:
- Familienvater, vier Kinder, elf Enkel, besorgt um die Welt, in der diese leben werden
- Beruflich: bis 2004 Leiter der Siemens-Unternehmensleitfunktion „Standardisierung und Regulierung“, mit globalem Handlungsrahmen; daher auch Herrn Professor Krubasik persönlich bekannt
- Seit 2003 Mitarbeiter des ICC International Chamber of Commerce im internationalen Standardisierungsprojekt  ISO 26000 „Guidance on Social Responsibility“.

 

Antwort1:
Von: Bachmann Guenther Nachhaltigkeitsrat [guenther.bachmann@nachhaltigkeitsrat.de]
Gesendet: Donnerstag, 17. Juli 2008 17:27
An: guido.guertler@t-online.de
Cc: Edward G. Krubasik (Siemens); Dorothee Braun (Gst RNE); Beate Ressa-Palm (Gst RNE); Solms Juergen Nachhaltigkeitsrat

Betreff: WG: Biokraftstoffe und Ethik; Position des Rates für Nachhaltige Entwicklung

Anlagen: Broschuere_Biodiversitaet_texte_Nr_21_April_2008.pdf

Sehr geehrter Herr Gürtler,

Herr Dr. Hauff hat mich gebeten, Ihnen für Ihr freundliches Schreiben zu danken. Gerne sende ich Ihnen die aktuelle Empfehlung des Nachhaltigkeitsrates zum Thema Biomasse zu, die eine Reihe von ethischen Fragen aufgreift und sie zu einer Grundlage von Beurteilungen über Technikentwicklungen und politische Chancen oder Probleme im Zusammenhang mit der Biomassewirtschaft macht.

Zu Ihren Fragen im Einzelnen darf ich Ihnen mitteilen, dass wir davon ausgehen, dass die deutschen Forschungsprogramme zur Biomassewirtschaft auch ethische und soziale Aspekte einbeziehen werden. Der Rat selbst wird keinerlei eigene Forschungsarbeiten in Auftrag geben oder betreuen. Ich bitte um Verständnis, dass dies weit außerhalb des Auftrages und der tatsächlichen Kapazität des Rates liegt. Desgleichen werden wir keine Strategie für die angesprochenen Nachhaltigkeitsstandards entwickeln, weil dies durch die einschlägigen Regierungseinrichtungen beziehungsweise durch von der Regierung beauftragte Forschungseinrichtungen bereits in Angriff genommen worden ist. Sicherlich aber wird sich der Rat zu gegebener Zeit mit den Ergebnissen dieser Standardisierung beschäftigen.

Der Nachhaltigkeitsrat hat die Aufgabe, die Bundesregierung zu beraten und er tut dies durch politische Empfehlungen wie jene zur Biomasse. Ferner nehmen wir die Beratungsfunktion auch durch direkte Gespräche mit den Verantwortlichen der Bundesregierung wahr sowie in Stellungnahmen, zu denen uns die Bundesregierung auffordert. Der Nachhaltigkeitsrat kann darüberhinaus auch in eigener Verantwortung und ohne Aufforderung Stellung zu wichtigen Fragen der Nachhaltigkeitspolitik nehmen und schließlich hat er die Aufgabe, die Idee der Nachhaltigkeit in der Öffentlichkeit zu kommunizieren.

Aus diesen Aufgaben mögen Sie, sehr geehrter Herr Gürtler, ersehen, dass der Rat kein eigenständiges Studien- oder Forschungsprogramm unterhalten kann. Da, wo wir meinen, dass Forschungsbedarf besteht, nehmen wir den Gedanken regelmäßig in unsere Empfehlungen auf. Das gilt für die Energieforschung, neue Techniken zur Kohleverfeuerung, die Energieeffizienz, aber auch für die Themen Flächeninanspruchnahme, Konsum und Einkaufen, mit denen wir uns in der Vergangenheit intensiv auseinander gesetzt haben.

Eine Ökobilanz für Biokraftstoffe, die Sie anregen, können wir nicht durch einen Forschungsauftrag erarbeiten lassen. Auf die Notwendigkeit, alle Energieträger, also auch die erneuerbaren Energien unter Nachhaltgkeitsgesichtspunkten zu bilanzieren, haben wir mehrfach hingewiesen. Soweit ich weiß, sind entsprechende Arbeiten im BMU und BMELV aufgenommen worden. Sehr sinnvoll finde ich auch die Überlegungen zu Audits, Standardisierungen und Bilanzierungen, die im Rahmen von econsense von einigen Unternehmen vorangetrieben worden sind.

Ich hoffe, Ihnen mit diesen kurzen Hinweisen gedient zu haben. Natürlich stehen wir Ihnen hier in der Geschäftsstelle gerne für Rückfragen zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Günther Bachmann

Rat für Nachhaltige Entwicklung I c/o GTZ I Potsdamer Platz 10 I D-10785 Berlin I fon: +49(0)30.408190.122 I fax: +49(0)30.40819022.122

 

Antwort2:
Von: Guido Gürtler [guido.guertler@t-online.de]   Gesendet: Donnerstag, 31. Juli 2008 18:43  
An: 'Bachmann Guenther Nachhaltigkeitsrat'  
Cc: 'Edward G. Krubasik (Siemens)'; 'Dorothee Braun (Gst RNE)'; 'Beate Ressa-Palm (Gst RNE)'; 'Solms Juergen Nachhaltigkeitsrat'

Betreff: AW: Biokraftstoffe und Ethik; Position des Rates für Nachhaltige Entwicklung
Anlagen: Broschüre...Zitate mit Kommentaren.doc

Sehr geehrter Herr Dr. Bachmann,

haben Sie ganz herzlichen Dank für Ihre umfassende und sehr hilfreiche Information zum möglichen Aufgabenspektrum des Nachhaltigkeitsrates. Vielen Dank auch für die angefügte Broschüre, die klare Positionen ausspricht. Es ist erfreulich, dass der Nachhaltigkeitsrat auf diese Weise auf Denkrichtungen der Bundesregierung Einfluss nehmen kann.

Ich habe die Broschüre im Hinblick auf die ethisch-soziale Bewertung von Biokraftstoffen (nicht Bioenergie) ausgewertet und die mir wesentlich erscheinenden Aussagen in beiliegendem Dokument zitiert und kommentiert (Broschüre...Zitate mit Kommentaren.doc) und hoffe, dass die darin enthaltenen Gedanken und Fragen zur weiteren Meinungsbildung nützlich sein können.

Biokraftstoffe auch der zweiten Generation sind ethisch-sozial gesehen hoch problematisch, u.a. wegen

- der absehbaren Intensivnutzung und damit nachhaltiger Schädigung der Böden und damit der Nahrungserzeugungsbasis,

- einer wie bei der ersten Generation aufkommenden Flächennutzungskonkurrenz zur Produktion von Nahrungsmitteln, und

- dem hohen Risiko einer wirtschaftlichen Fehlentwicklung (die Entwicklung alternativer Antriebsaggregate hat unter Nachhaltigkeitskriterien sicher höhere Priorität).

Sie schreiben: Der Nachhaltigkeitsrat kann … auch in eigener Verantwortung und ohne Aufforderung Stellung zu wichtigen Fragen der Nachhaltigkeitspolitik nehmen. Ob eine Chance bestünde, dass sich der Nachhaltigkeitsrat im Rahmen dieses „Initiativrechtes“ des Themenkomplexes annehmen könnte? Mit einer zunehmenden öffentlichen Diskussion der Biokraftstoffe der zweiten Generation ist sicher zu rechnen und ich sehe kein besser positioniertes Organ als den Nachhaltigkeitsrat, diese öffentliche Diskussion (ggf. auch voreilend) zu lenken.

Ich bitte um wohlwollende Prüfung.

Mit besten Grüßen,
Guido Gürtler

Farmerstr. 17  82194 Gröbenzell  0173 350 27 22  Guido.Guertler@t-online.de

Anlage

 

Antwort 3 vom Nachhaltigkeitsrat:
Von: Bachmann Guenther Nachhaltigkeitsrat [guenther.bachmann@nachhaltigkeitsrat.de]
Gesendet: Freitag, 22. August 2008 22:41
An: Guido Gürtler
Cc: Edward G. Krubasik (Siemens); Braun Dorothee Nachhaltigkeitsrat; Ressa-Palm Beate Nachhaltigkeitsrat; Solms Juergen Nachhaltigkeitsrat

Betreff: AW: Biokraftstoffe und Ethik; Position des Rates für Nachhaltige Entwicklung

Sehr geehrter Herr Gürtler,

bitte haben Sie Verständnis, dass die Beantwortung Ihrer Mail urlaubsbedingt etwas länger als gewöhnlich gedauert hat. Und haben Sie vielen Dank für Ihre Kommentierung. Die in der Broschüre abgedruckte Empfehlung des Rates werden wir jetzt kurzfristig nicht verändern. Ich bin mir aber sicher, dass die kommenden Auseinandersetzungen um die Nachhaltigkeitskriterien für Bioenergien uns genügend Anlass geben können, dass sich der Nachhaltigkeitsrat zu Wort meldet. Zur Erarbeitung ggf. weiterer Einlassungen des Rates nehme ich Ihre Hinweise und weiterführenden Kommentare, auch und besonders dort, wo Sie unsere Empfehlung kritisieren, gerne zur Kenntnis und lasse sie in die Diskussionen im Rat einfließen.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Günther Bachmann

Antwort 4 an Dr. Bachmann:
Von: Guido Gürtler [guido.guertler@t-online.de]; Gesendet: Sonntag, 24. August 2008 22:26
An: 'Bachmann Guenther Nachhaltigkeitsrat'
Cc: 'Edward G. Krubasik (Siemens)'; 'Braun Dorothee Nachhaltigkeitsrat'; 'Ressa-Palm Beate Nachhaltigkeitsrat'; 'Solms Juergen Nachhaltigkeitsrat'

Betreff: AW: Biokraftstoffe und Ethik; Position des Rates für Nachhaltige Entwicklung

Sehr geehrter Herr Dr. Bachmann,
Haben Sie ganz herzlichen Dank für diese Perspektive.
Es grüßt Sie aus Galizien,
Guido Gürtler

 

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